Wanderin auf einer Bank.

Alleinwandern trainieren (Teil 1): Was habe ich eigentlich davon?

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Seit ungefähr zwei Jahren wandere ich regelmäßig auch alleine. Nicht, dass mir das Wandern mit anderen, mit meinem Mann am Wochenende oder im Urlaub, mit Freunden und als Wanderführerin mit meinen Teilnehmern kein Vergnügen bereiten würde. Im Gegenteil, ich bin gerne mit anderen unterwegs. Da können richtig gute Gespräche entstehen, es kann echt lustig werden und es reicht, wenn einer den Weg im Auge behält, die anderen brauchen nur hinter her laufen. Aber Erkundungsgänge für mein Wanderangebot unternehme ich lieber alleine; außerdem finde ich auf diesen Alleingängen die für meine Texte und Fotografien nötige Inspiration.

In der Gruppe oder alleine, keine der Arten des Wanderns ist besser oder schlechter. Sondern es kommt eben darauf an, was man möchte. In der Gruppe steht das Gemeinschaftserlebnis, der Austausch, das Soziale im Vordergrund. Beim Alleine-Wandern rückt der Genuss von Landschaft, Bewegung, Natur und man selbst in den Fokus.

„Alleine wandern ist doof“ ist also nur ein Spruch derjenigen, die immer den Austausch brauchen; oder gar ein Deckmäntelchen? Denn aus persönlichen Gesprächen und aus einer Online-Umfragen hier im Blog weiß ich, dass es viele Frauen gibt, die zwar auch gerne alleine wandern würden, sich aber nicht trauen. Ich bekomme dann oft zu hören: „Was Du wanderst alleine? Hast Du keine Angst?“ Angst ist vielleicht nicht das richtige Wort. Mulmig ist mir manchmal – tief in einem Tal, weit weg von der Straße zum Beispiel. Ich erschrecke auch schon mal, wenn es plötzlich im Wald knackt und raschelt oder ein Vogel einen ungewohnten Schrei ausstößt. Aber ich liebe das Alleine-wandern viel zu sehr, als dass mich solche Vorkommnisse davon abhalten könnten.

Wenn man etwas wirklich will, dann tut man es in der Regel auch. Aber manchmal fühlen wir uns trotzdem zu unsicher, um das Wagnis einzugehen. Es ist völlig normal in unbekannten, einsamen Gegenden Angst zu haben, wenn man alleine unterwegs ist und sich außerdem noch unsicher fühlt.

„Ohne Sicherheit vermag der Mensch weder seine Kräfte auszubilden, noch die Frucht derselben zu genießen; denn ohne Sicherheit ist keine Freiheit.“ (Wilhelm von Humboldt)

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man lernen kann, seine Grenzen zu überwinden. Zum Beispiel indem man daran arbeitet, sicherer zu werden. Und zwar nicht auf Teufel komm raus und nach dem Motte „friss oder stirb“, sondern auf eine selbstverträgliche, auf den eigenen individuellen Rhythmus abgestimmte Art und Weise.
Deshalb habe ich beschlossen, eine kleine Reihe über das Thema „Alleine-wandern trainieren“ zu schreiben: Was sind die Hauptängste? Was kann ich jeweils tun, damit ich mich traue, den ersten Schritt zu machen? Wie behalte ich in brenzligen Situationen die Oberhand?

Im ersten Schritt will ich potenziellen Alleingeherinnen noch mal genauer vor Augen führen, welche Vorteile das Alleine-wandern überhaupt hat und welcher Nutzen jeweils damit verbunden ist. Damit soll ihnen klar werden, was sie eigentlich konkret vom Alleine-wandern haben, und ihr Wunsch – auch gegenüber Sprüchen, wie „Alleine wandern ist doof“  – gestärkt werden.

Die drei wichtigsten Vorteile, in deren Genuss man kommt, wen man alleine wandert, sind:

  1. unabhängig und spontan unterwegs sein
    Alleine-wandern heißt, wandern wann, wo und wie man will. Man kann losgehen, wann man möchte, muss sich nicht mit anderen abstimmen. Man muss nicht auf die Tourenwünsche vom Mitwanderern Rücksicht nehmen. Wandere ich alleine, ist die eigene Nase das Maß der Dinge und Wegweiser zu gleich. Ich kann tun, wonach mir der Sinn steht: die Lieblingsroute gehen, sich spontan für einen anderen Weg entscheiden, weil das Wetter anders als erwartet ist, stehen bleiben. Man kann sich die Zeit selbst einteilen und das Wandertempo selbst bestimmen. Stehen bleiben, gucken und rasten solange einem danach ist, einen Augenblick sacken lassen, einen Ausblick voll auskosten, solange die Position beim Fotografieren wechseln bis eine spannende Perspektive gefunden ist, eine schöne Landschaft richtig einwirken lassen und dadurch tiefere Eindrücke gewinnen. Alleine-wandern ist Freiheit pur!
  2. Natur und Bewegung ungeteilt genießen
    Peinlich, peinlich: In meinen Anfangszeiten als Wanderführerin habe ich mal einen Abzweig verpasst und wir mussten wieder ein Stück zurücklaufen. Ich war so ins Gespräch mit einer Teilnehmerin vertieft, dass ich nicht mehr richtig auf den Weg (den ich eigentlich wie meine Westentasche kannte) geachtet habe. Das passiert mir natürlich heute nicht mehr. Aber warum erzähle ich diese Anekdote? Weil sie sehr schön zeigt, wie wir in Gruppen ticken. Wir treffen interessante Leute, kommen ins Gespräch und schwupp die wupp blenden wir alles drum herum aus. In Wandergruppen kommt unser soziales Wesen zum Tragen. Wir sind neugierig, wollen uns mitteilen oder auch nur höflich sein. Die Kehrseite der Medaille ist, dass wir kaum mehr einen Blick für die Natur und den Weg haben. Das kann sogar so weit gehen, dass wir uns am Abend gar nicht mehr genau erinnern, wo wir überhaupt gewandert sind.
    Dagegen sind beim Alleine-wandern alle Sinne auf das Drumherum ausgerichtet. Nichts und niemand lenkt uns ab. Unsere Aufmerksamkeit ist ungeteilt. Man achtet auf den Weg, nimmt Pflanzen, Tiere, Geräusche, Lichtstimmungen und den eigenen Körper wahr. Alles ganz entspannt, denn wir laufen nicht Gefahr abweisend und eigenbrötlerisch auf Wanderpartner zu wirken. Alleine-wandern ist die beste Voraussetzung für intensives Naturerleben und garantiert ein Gewinn an Wandergenuss.
  3. mal (höchstens) mit sich selbst reden 
    Manchmal möchte man beim Wandern einfach nichts reden, weil man keine Lust auf Small Talk hat, die ganze Woche beruflich viel gesprochen hat oder weil man seinen Gedanken folgen und sich lieber mit sich selbst unterhalten möchte. Gerade für diese hin und wieder notwendige Ich-Zeit ist Alleine-Wandern ideal. Zum einen, weil Bewegung und frische Luft den Kopf klar macht, die Kreativität ankurbelt und einen zuverlässig auf neue Ideen bringt. Und zum anderen, weil man sich ungestört mit sich selbst beschäftigen kann. Alleine-wandern ist das Mittel der Wahl, wenn einem der Sinn nach Ruhe, Regeneration und Selbstbesinnung steht.

Um es ganz deutlich zu sagen: Es geht mir mit dieser Themenreihe nicht darum, der Eigenbrötlerei das Wort zu reden. Sondern ich möchte, dass Frauen draußen in der Natur freier und flexibler werden und sich je nachdem wonach ihnen der Sinn steht, frei entscheiden können: wandere ich in der Gruppe oder gehe ich heute mal alleine los.

Übrigens: Für alle, die sich noch zu unsicher sind, das Wandern alleine zu wagen, aber trotzdem dessen Vorzüge genießen möchten, steht mein Wanderangebot offen. Damit verbinde ich beides: die Freiheit des selbstbestimmten Gehens zusammen mit der Sicherheit der geführten Gruppe. Für diejenigen, die sicherer beim Wandern werden möchten, werde ich in Zukunft Outdoor-Trainings anbieten. Als erstes steht ein Karte- und Kompass-Workshop auf dem Programm; interessant für alle, die ihre Orientierungsfähigkeit stärken möchten.

Alleinwandernkurs
Für Wanderinnen und Wanderer, die auch gerne alleine wandern würden, sich aber nicht trauen, biete ich einen Alleinwandernkurs an.

Autor: Heike Tharun

Als zertifizierte Sportmentalcoach wandere ich alleine und mit meinen Kunden. Spezialisiert habe ich mich auf Bergwanderer und Outdoorsportler mit hohem Sicherheitsbedürfnis, u. a. Schwindelfreiheit, Stress- und Angstregulation und Orientierung. Abonnieren Sie meinen Newsletter, verschenken Sie einen Gutschein oder unser Buch Rheinhessische Spazier-Gänge.

5 Kommentare

  1. Das ist ein wunderbarer Artikel, der in mir viele Erinnerungen wachruft an meine Alleingänge mit und ohne Pony. Eine Zeit lang konnte ich mich im Wald so gut bewegen, dass ich nicht gesehen werden musste, wenn ich nicht wollte. Das lag an Karl May, aber auch an der Pubertät und meiner plötzlichen und sehr unangenehmen Gewahrwerdung der Tatsache, dass ich ein Mädchen bin.
    Mit einem weißen Pony, sollte man denken, wird man in jedem Fall gesehen. Denkste. „Wo kommen Sie denn her?!“, rief der Förster, das Gewehr noch in der Hand und ziemlich aus dem Häuschen.
    Vor wenigen Jahren ging ich wieder mal auf einem der alten Wege und verlief mich. Ganz kurz war mir heiß und kalt, alles sah so anders aus, die Bäume gefällt, der Weg verbreitert. Und ich hätte geschworen, dass ich diesen Weg mit verbundenen Augen finde. Also zurück bis zur nächsten Sichtmarke und nochmal überlegen. Im vergangenen Sommer dann die alten Pilzreviere abgegrast und zarte Steinpilze direkt roh gegessen. Alles wieder im Lot mit den alten Wegen.
    Wenn es irgend geht, bin ich mit Karte und Kompass dabei, damit ich mir auch neue Wege suchen kann. Vielen Dank für deine schönen Anregungen!

  2. Alleine wandern, der Gedanke ruft anscheinend bei vielen Menschen Unbehagen heran. Meine Alleingänge sind gleichzeitig die intensivste Zeit, die ich mir gönnen kann. Allein unterwegs sein gibt mir die Chance ganz bei mir zu sein, ganz auf die Geräusche, die mich umgeben zu lauschen. Alleine gehen ist eine Herausforderung an mich selbst.

    Es einmal tun und in sich hinein hören und schauen was es mit mir macht, kann süchtig auf mehr machen :-). Nur einmal sich die Chance geben, wie das erste Mal fliegen.
    Ein sehr schönes Thema liebe Heike

    Viele liebe Grüße
    Elke

    • Liebe Elke, das hast Du sehr schön beschrieben! So ähnlich geht es mir auch! Genau: wie fliegen! 🙂 Aber es gibt ja auch Menschen mit Flugangst.. 😉 Herzliche Grüße Heike

  3. Hallo Heike,

    beim Alleine-wandern kann ich die Zeit völlig vergessen, vor allem, wenn das Wetter schön ist und ich die Kamera dabei habe… oder Kräuter sammle (von der Hand in den Mund oder zum später genießen)… Flow trapst heran.

    Ganz spannend ist es, mal abseits der Weg zu gehen und zu versuchen sich zurecht zu finden. Mit und ohne Karte und Kompass, schleichen und lauschen mit mulmigen Ansätzen. Neulich begegnete mir dabei ein Jäger, wir bewegten uns beide sehr vorsichtig rückwärts und prallten Rücken an Rücken gegeneinander. Ja, wir schrien beide 😀 und saßen später gemeinsam glucksend auf dem Hochsitz. Wildschweine beobachten…

    Viele Grüße
    Silke

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