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Gemeinsam stark: Mit wohltuendem Miteinander entspannt durch die Berge!

Trockenmauer

Wie sind zu zweit im Tannheimer Tal unter­wegs. Uner­wartet biegt mein Wan­der­part­ner zum Steig ab. So schnell ist er im steilen Hang. Ich habe keine Gele­gen­heit mehr, Ein­spruch einzule­gen. Ich ste­he vor vol­len­de­ten Tat­sachen. Mir bleibt nur hin­ter­her zu krax­eln; den Anschluss ver­passen ist keine Option in diesem unbekan­nten Ter­rain.

Zeternd und fluchend kämpfe ich mich den schmalen Pfad hoch. Der wird immer geröl­liger, aus­ge­set­zter. Ein falsch­er Tritt und ich mache hier den Abgang, denke ich wieder und immer wieder. Meinen Wan­der­part­ner habe ich längst aus den Augen ver­loren. Wer weiß, was da noch kommt. Werde ich das schaf­fen? So ein Mist. Was ich über meinen Wan­der­part­ner denke, behalte an dieser Stelle lieber für mich.

Schließlich komme ich oben an. Alleine. Kein Wan­der­part­ner weit und bre­it. Zum Glück ist die Rich­tung ein­deutig. Zumin­d­est die Sorge, falsch abzuzweigen bleibt mir erspart. Allerd­ings trifft mich der Schlag als ich den Ver­lauf des Pfades real­isiere: In mein­er Erin­nerung 90 Zen­time­ter von ein­er Kante ent­fer­nt ent­lang. Jen­seits der Kante im freien Fall eine min­destens 100 Meter hohe Wand. Ich laufe in die Höhenangst­falle: Ich will, nein eigentlich muss ich weit­er. Aber mir stockt der Atem. Die Knie sind weich. Alles in mir schre­it: Stopp, stopp, stopp. Dieser Zwies­palt führt unver­mei­dlich in die Block­ade. Ich set­ze mich auf einen Stein, an ein­er Posi­tion, an der ich mich halb­wegs sich­er füh­le und heule wie ein Schlosshund.

Zum Glück haben wir bei­de unsere Smart­phones dabei. Und es ist Emp­fang. Aber in der Aufre­gung kann ich das Handy nicht mehr richtig bedi­enen. Meine Hände zit­tern. In der gleißen­den Sonne erkenne ich kaum etwas auf dem Dis­play.

Dann geschieht ein Wun­der: Ich höre die Stimme meines Wan­der­part­ners über das Tele­fon. Ich schildere meine Sit­u­a­tion. Er kommt zurück. Puuh. Zusam­men pack­en wir die für mich schwierige Stelle. Mit ihm an mein­er Seite, sehe ich plöt­zlich für mich Möglichkeit­en, die aus­ge­set­zte Pas­sage zu schaf­fen. Ich beruhige mich und gehe Schritt für Schritt an der Kante lang. Dann entspan­nt sich das Ter­rain. Der Weg wird bre­it­er. Es geht abwärts. Ich sehe die Alm. Die urige Ter­rasse aus Holz und fröh­lichem im Wind flat­tern, bun­ten Son­nen­schirme. Alles ist mit einem Schlag wieder gut.

Diese Geschichte liegt viele, viele Jahre zurück. Inzwis­chen hat sich einiges verän­dert bei mir, bei meinem Wan­der­part­ner und bei unserem Miteinan­der in den Bergen. Ich habe gel­ernt mit mein­er Höhenangst gelin­gend umzuge­hen, wir haben Strate­gien entwick­elt, wie wir gemein­sam solche däm­lichen Sit­u­a­tio­nen, wie damals im Tannheimer Tal in Zukun­ft ver­mei­den. Außer­dem haben sich unsere Leis­tungsstände verän­dert. Kon­di­tionell bin ich meinem Wan­der­part­ner heute um einiges näher als damals.

Ich schildere diese Sto­ry hier so aus­führlich, weil auch Du als Leserin oder Leser daraus ler­nen kannst: Zum einen: Zuver­sicht und men­tale Stärke sind nicht nur Sache des Einzel­nen, son­dern auch der Gruppe! Zum anderen gibt diese Erfahrung Hin­weise, wie wir uns in Berg­wan­der­grup­pen [die begin­nt ab zwei Per­so­n­en] ver­hal­ten, damit diese gemein­same Stärke entste­ht.

Gemein­same Stärke ist kein Selb­stläufer. Sie ist an bes­timmte Bedin­gun­gen geknüpft: Anwe­sen­heit, Bedürfnis­sen gerecht wer­den und Zuhören.

Zusammenbleiben statt auseinander driften

Beson­ders wenn es in ein­er Gruppe Leis­tung­sun­ter­schiede gibt, passiert es ruck zuck, dass der stärkere Part­ner davonzieht und der- oder diejenige in der schwächeren Posi­tion nicht mehr mitkommt, den Anschluss ver­liert und zurück­fällt. Die Gefahr beste­ht, sich aus den Augen zu ver­lieren, unmerk­lich auseinan­der zu driften. Mit allen Kon­se­quen­zen, die daraus fol­gen kön­nen: sich Sor­gen machen umeinan­der, Ungewis­sheit über die Weg­wahl, Angst sich zu ver­laufen, sich mit Prob­le­men alleine gelassen fühlen, sich übere­inan­der ärg­ern und so weit­er und so weit­er. Das sind Bedin­gun­gen, die allen Beteiligten die Berg­tour ver­miesen. Viel beden­klich­er sind die Auswirkun­gen auf die ohne­hin angeschla­gene Ver­fas­sung von Ängstlichen und Unsicheren. Sor­gen und Ärg­er trig­gern die Angst und die Unsicher­heit weit­er an. Sie bee­in­flussen unsere Aufmerk­samkeit neg­a­tiv, sie rauben uns zusät­zlich wertvolle Energie und im schlecht­esten Fall machen sie uns dadurch hand­lung­sun­fähig. Und das in ein­er Sit­u­a­tion, wo genau das gefragt ist: ein wach­es Auge für das, was zu tun ist, Kraft und die Fähigkeit kluge Entschei­dun­gen zu tre­f­fen.
Deshalb ist es so wichtig, bei ein­er Berg­wan­derung zusam­men­zubleiben und dem Bergkam­er­aden, der Bergkam­eradin, der oder die in eine unsichere Sit­u­a­tion kommt [möglicher­weise völ­lig über­raschend], not­falls durch bloße Anwe­sen­heit zur Seite ste­hen zu kön­nen.

Bedürfnissen gerecht werden statt Ego-Trip

Klar, jed­er will in den Bergen auf seine Kosten kom­men. Die eige­nen Bedürfnisse hin­te­nanstellen, die eige­nen Wün­sche und Ideen nicht umset­zen kön­nen, das geht auf die Dauer auf die Moti­va­tion und früher oder später auch bei dem Geduldig­sten und der Empathis­chsten zu Las­ten der Bere­itschaft auf andere Rück­sicht zu nehmen. Umgekehrt: Das Gefühl, immer das let­zte Rad am Wagen zu sein, bremst früher oder später den Antrieb zum gemein­samen Wan­dern auch beim Gesel­lig­sten gehörig aus.

Deshalb macht es ger­ade bei Leis­tung­sun­ter­schieden oder auch unter­schiedlichen Inter­essen [die eine will auf jeden Gipfel und der andere hat seinen Spaß daran, nach dem Auf­stieg auf der Son­nen­ter­rasse ein­er Berg­jause zu relax­en] Sinn hin und wieder auch mal getren­nte Wege zu gehen. Das kann ein Tag sein, dass kön­nen ein paar Stun­den sein oder auch auf der Tour selb­st.

Ein Paar hat sich nach einem Prax­is-Einzel­coach­ing Höhenangst über­winden“ mit Part­ner ohne Höhenangst bei mir fol­gen­den Plan zurecht­gelegt: Ihm kann es am Berg nicht aus­ge­set­zt genug sein und er geht am lieb­sten bis an die Kante. Sie muss eigentlich nicht auf jeden Felsvor­sprung und hat über­haupt kein Prob­lem damit, auf der Besuchert­er­rasse im Lieges­tuhl ein gutes Buch zu lesen, während der Göt­ter­gat­te sein­er Aben­teuer­lust frönt. In Zukun­ft wer­den sie die gemein­same Zeit in den Bergen stun­den­weise auch mal jed­er für sich gestal­ten. So bleibt die Stim­mung oben, die Bere­itschaft auf den anderen einzuge­hen wächst und kein­er braucht sich Gedanken zu machen, dass dem anderen was abge­ht. Miese Gedanken und schlecht­es Gewis­sen weichen der Freude über gemein­sam ver­brachte Wan­derzeit.

Bei kon­di­tionellen Unter­schieden lässt es sich oft schw­er ver­mei­den, dass auf ein­er Wan­derung unter­schiedlich­es Tem­po gegan­gen wird. Für den Stärk­eren kann es zer­mür­bend sein über einen län­geren Zeitraum unter seinen Möglichkeit­en zu bleiben. Hier kann man der ungle­ichen Verteilung der Kräfte ent­ge­genkom­men, indem der Stärkere voraus­ge­ht. Dabei ist es allerd­ings unab­d­ing­bar einen für alle Beteiligten erkennbaren Tre­ff­punkt zu vere­in­baren. Mein Wan­der­part­ner und ich haben aus­gemacht, wenn ein­er von uns bei­den voraus geht, dann wird am näch­sten Abzweig gewartet. Auf diese Weise, kann kein Zweifel aufkom­men, wo der andere weit­erge­gan­gen ist. Regelmäßig kommt man wieder zusam­men und kann ggf. neu entschei­den.

Grund­sät­zlich sind solche Strate­gien ein­vernehm­lich zu entschei­den. Sie set­zen voraus, dass man sich abspricht und sich an Ansprachen hält: Wie lange ist man unter­wegs, wann kommt man zurück, wo tre­f­fen wir uns wieder.  Gemein­same Stärke funk­tion­iert auch bei vorgestell­ter Anwe­sen­heit”: dem anderen ver­trauen, sich aufeinan­der ver­lassen kön­nen, zu wis­sen, ich bin im Moment allein, aber nicht ein­sam.
Flex­i­bil­ität hin oder her: Sicher­heit geht grund­sät­zlich vor! Also bitte niemals einen Wan­der­part­ner irgend­wo im Nir­gend­wo zurück­lassen oder sich tren­nen, wenn am Hor­i­zont Gewit­ter­wolken aufziehen. Wenn auch nur der Hauch von Ungewis­sheit, Zweifel oder Unsicher­heit beste­ht über Wet­ter, Ver­lauf und Schwierigkeits­grad der Tour lautet die eis­erne Regel: gemein­sam weit­erge­hen!

Richtig zuhören statt aneinander vorbeireden

Sich absprechen ist das eine, miteinan­der reden, das andere. Der sprin­gende Punkt dabei ist: richtig zuhören, was der andere sagt. Son­st passiert es leicht, dass man aneinan­der vor­beiredet. Um kurz noch mal zum vor­ange­gan­genen Absatz zurück­zus­prin­gen: Grund­vo­raus­set­zung, dass man sich trifft, ist, dass zweifels­frei über den gle­ichen Tre­ff­punkt gesprochen wird. Wenn Men­schen kom­mu­nizieren lauert noch eine andere Stolper­falle: Wenn du wüsstest, wie oft wir uns völ­lig grund­los aufre­gen, nur weil wir die eigene Inter­pre­ta­tion des vom anderen Gesagten als bare Münze nehmen, statt uns die Mühe zu machen, dem anderen aufmerk­sam zuzuhören und inhaltlich kor­rekt aufzunehmen. Um richtig anknüpfen zu kön­nen, brauche ich den richti­gen Anknüp­fungspunkt. Ich will gar nicht wis­sen, wie viele Wan­derurlaube den Bach run­terge­gan­gen sind, Wan­der­grup­pen und Paare sich eine eigentlich schöne Tour kaputt gemacht haben, nur weil sie von völ­lig ver­schiede­nen Din­gen gesprochen haben ohne sich darüber bewusst zu sein. Blöd, gell!!!

Eine pri­ma Tech­nik um richtiges Zuhören zu üben, ist das Wieder­holen von dem, was der andere gesagt hat, bevor man den eige­nen Senf dazu gibt.
Beispiel: Zuhör­er: Du hast gesagt, dass das Wieder­holen von Sätzen, die Dein Gesprächspart­ner ger­ade gesagt hat, eine gute Tech­nik ist, um das Zuhören zu üben.“ Das find­en ich einen inter­es­san­ten Vorschlag. Macht das aber Gespräche nicht sehr müh­sam?“ Ich: Du find­est meinen Vorschlag inter­es­sant, fragst Dich jedoch, ob diese Tech­nik Gespräche nicht anstren­gend macht.“ Ja, Kom­mu­nika­tion wird damit inten­siv­er und braucht einen Tick mehr Konzen­tra­tion, aber dieser Ein­satz lohnt sich: man beugt Stre­it und Ärg­er vor und holt mehr Schönes aus der gemein­samen Unternehmung raus.“ Wenn Du diese Tech­nik aus­pro­bierst, wirst Du staunen, welche Diskrepanzen zwis­chen dem was gesagt und dem was gehört wurde in Gesprächen zutage treten. Echt lustig, wenn es nicht so trau­rig wer­den kann.

Zuver­sicht und men­tale Stärke eines Einzel­nen ist also auch eine Frage, wie wir in der Wan­der­gruppe miteinan­der umge­hen. Diese gemein­same Stärke baut auf wohltuen­dem Miteinan­der auf. Drei Grundbe­din­gun­gen hier­für sind: Erstens zusam­men­zubleiben, rein physisch für den anderen da zu sein, wenn er mich braucht, um Stress, Ärg­er und Sor­gen vorzubeu­gen. Zweit­ens in ein­vernehm­lich­er Absprache auch mal eigene Wege zu gehen, um unter­schiedlichen Inter­essen in der Gruppe gerecht zu wer­den und auf diese Weise beim Einzel­nen Moti­va­tion, Geduld und Empathiev­er­mö­gen zu stärken. Drit­tens uns richtig zuhören, um Fehlin­ter­pre­ta­tio­nen und Missver­ständ­nis­sen vorzubeu­gen.

 

Heike Tharun

Autor:

Mein Name ist Heike Tharun. Ich bin Sport-Mentalcoach und passionierte Bergwanderin. Ängste, Unsicherheit und Zweifel in den Bergen kenne ich aus eigener Erfahrung. Bullshit! Vor acht Jahren habe ich entdeckt, was Kopf und Körper brauchen, damit Du aus dieser Nummer rauskommst, bin selbst diesen Weg erfolgreich gegangen und seit 2015 zertifizierte Sport-Mentalcoach. Auf Heimatwandern zeige ich Dir, wie auch Du als Wanderer oder Outdoorsportler mit hohem Sicherheitsbedürfnis u. a. auf steilen, rutschigen + unebenen Ab- und Aufstiegen, an ausgesetzten Stellen, beim Alleinewandern, Navigieren und Orientieren sowie Langstreckenwandern Dein Potenzial abrufst und selbstsicher mit Zuversicht und Freude in Deinem Lieblingsgebirge unterwegs bist! Abonniere meinen Newsletter, verschenke einen Gutschein oder bestelle fürs kulinarische Gipfelglück unser Buch aus dem Land der 1000 Hügel.

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